Foto: Tim Teichert

Marcel Donat – Rock to Fakie, Foto: Tim Teichert

Dieser Text, den Tom mal vor einer ganzen Weile geschrieben hat, sollte eigentlich mal für etwas anderes verwendet werden. Da aber daraus in absehbarer Zeit nichts wird und das Thema Jahreszeit-bedingt sowieso gerade wieder aktuell ist, nun hier:

Der Wecker klingelt. Draußen ist es noch stockdunkel, die Balkonfenster voller Eis und die Teile des Zimmers, die sich nicht unter der Bettdecke befinden, sind auch eher dürftig ertragbar. So geht das jetzt schon seit Wochen. Mal ganz abgesehen vom kleinen Melancholiemann und seiner große Schwester Langeweile sind Gitarre und Playstation momentan deine wichtigsten Zeitgenossen. Es ist Winter.

Du warst schon verdammt lange nicht mehr skaten. Vor zwei Wochen mal in der Halle gewesen, aber eine Riesenschar snakender Kids und das Gefühl in einer beengten Trockenkammer zu hocken, machen nicht gerade Lust auf mehr. Dann lieber Couch. Du kannst jeden Spot ansteuern, jedes auch nur erdenkliche Obstacle mitnehmen und dir deinen Weg im urbanen Straßenmeer bahnen. Nicht aber jetzt. Du machst die Vorhänge auf und merkst, du hättest fast vergessen… Es ist Winter.

Du kennst das. Seitdem du skatest, musstest du unweigerlich Methoden entwickeln, das erkältete Skateherz in dir für ein paar Monate am Leben zu halten – und das jedes Jahr aufs Neue. Obwohl nichts so sicher ist wie der nächste Winter, trifft es dich jedes Mal mehr oder weniger unvorbereitet. Die meisten unter uns haben keinen Plan B, wenn es um Freizeitgestaltung geht. Einen Großteil deiner Freunde triffst du normalerweise beim Skaten. Du weißt, denen geht es ähnlich. Du steckst auf einmal mehr Zeit denn je in dein Studium und über zu wenige Überstunden kannst du auch nicht klagen. Was sollst du auch machen? Es ist einfach mal Winter.

Wie gut es doch wäre, der kalten Jahreszeit zu entfliehen. Das hast du dir schon oft gedacht. Clips aus Californien zeigen dir, dass jetzt in dem Moment woanders die Sonne scheint und dass du und dein Shirt auch im angedachten Winterschlaf verschwitzt sein können. Leider hast du Verpflichtungen und bist dir im Klaren darüber, dass Skateboarding zwar einen großen Bestandteil, aber nicht dein ganzes Leben ausmacht. Du bist finanziell gebunden und hast ganz nebenbei noch einen Riesenberg abzuarbeiten, wenn du dir mal etwas aufbauen willst. Nicht jeder kann im Winter als Tauchlehrer in wärmeren Gefilden arbeiten. Du kannst nicht skaten und du brauchst Geld. Das ist die Realität. Du schiebst Frust, denn es ist Winter.

Ein Allheilmittel gibt es dabei nicht. Es gibt nur dich, jede Menge beschissenes Wetter und einen nahezu unbezwingbaren Schweinehund. Manchmal verfällst du fast in depressive Stimmung, weil du weißt, es ist erst Dezember und im besten Fall musst du noch mindestens zwei Monate warten, um dich wieder aufs Brett schwingen zu können. Schon jetzt hältst du es kaum noch aus. In dir entwickelt sich eine unheimlich starke Motivation. Falls man den Fehler begeht und abends noch ein Skatevideo schaut, wird es schwierig einfach so einzuschlafen, weil sämtliche Trickideen und Skateboardgefühle zwischen deinen Schädelinnenwänden Ping Pong spielen. Immer öfter musst du dich umdrehen. Du bist total hibbelig und kannst dich nicht von deinen Gedanken befreien. Du bist absolut abhängig, ohne jegliche Aussicht auf ewigen Entzug. Das würdest du nicht packen. Komm schon Winter. Mach, dass du aufhörst!

Gott sei Dank kannst du im Frühling wieder aufs Brett steigen. Dann kannst du wieder so richtig loslegen. Du kannst dir die Lunge aus dem Hals pushen und mal wieder ein paar härtere Spots in Angriff nehmen. Du bist motiviert. Da hat sich derbe was angestaut und das muss auf schnellstem Wege raus. Du hast mehr Lust zum skaten als auf irgendetwas anderes. Das ist nicht zu vergleichen mit Drogen oder Frauen, den herkömmlichen Suchtmitteln der männlichen Gesellschaft. Das ist tiefster Wunsch. Es ist evolutionär veranlagt. Du erwachst aus dem Winterschlaf. Nun musst du auf die Jagd gehen, sonst würdest du verhungern. Und glaub mir, wäre der Winter nicht, du wärst nur ein halb so gefährliches Raubtier.

Words: Tom Bewernick

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

*